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22 / 10 / 2009

Ein Treffen mit Jean-Claude Jitrois


Jean-Claude Jitrois

Was finden Sie in Paris, das Sie sonst nirgendwo anders auf der Welt finden?

Paris ist, mehr als alle anderen, eine kosmopolite Stadt. Angezogen von diesem Magnet kommen Menschen aus der ganzen Welt, um hier Mode zu entdecken, einzukaufen oder des Essens wegen. Paris bezaubert durch seine Lebenskunst. Hier findet man Savoir faire und erstklassiges Kunsthandwerk, Spezialisierungen und Traditionen, die schon seit langer Zeit verankert sind: Bereits unter Ludwig XIV. haben sich die großen Manufakturen mit Colbert in der Stadt etabliert. Hier gibt es schöpferische Kreation aller Art im Überfluss, zu jedem Preis. Ich würde sogar sagen: zum rechten Preis, denn heutzutage ist das ein entscheidendes Kriterium geworden. Nicht jeder kann sich bei den großen Modedesignern einkleiden, aber jeder kann sich trotz allem ein Accessoire leisten, das nach seiner Heimkehr zum Erinnerungsstück an einen wunderschönen Moment in Paris wird.
Paris weckt in jedem von uns eine Vergangenheit, die wir vergessen haben. Apollinaire beispielsweise hat sich an seine Liebesgeschichten unter der Pont Mirabeau erinnert „Sous le Pont Mirabeau coule la Seine, Et nos amours, faut-il qu’il m’en souvienne…“ (Unter der Pont Mirabeau fließt die Seine und erinnert an unsere Liebesgeschichte…) Jeder hat seinen persönlichen Ort in Paris, seine Pont Mirabeau, eine Erinnerung als Element, das eine bestimmte Emotion auslöst…Das ist niemals verlorene Zeit, sondern Zeit, die man wiederfindet, wenn man nach Hause zurückgekehrt ist.
Ganz gleich, ob Paris in der Sonne, an einem schönen Regentag oder bei Nacht: Die Augenblicke sind tiefgreifend und unvergesslich.

Kommen Paris und die Mode immer noch gut miteinander aus? Ist der Pariser Chick noch immer die Nummer 1?

Der Pariser Chick ist sehr lebendig! Das verdanken wir dem fabelhaften Zusammenspiel der Nationen, die man in Paris findet, all diesen Menschen, die von überall herkommen und das Wesen der Hauptstadt ausmachen. Nur wenige Pariser sind tatsächlich hier geboren. Ich selbst stamme aus Aix-en-Provence. Das Große Parisprojekt rechnet mit diesen Ausmaßen und bereitet darauf vor, was Paris in dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren sein wird.
Paris ist nach wie vor die Nummer 1 der Mode. Designer aus der ganzen Welt (Russen, Deutsche, Engländer, Italiener) träumen davon, hierher zukommen und ihre Kreationen in Paris vorzuführen. Das macht den Unterschied zwischen Paris und anderen Modemetropolen aus, in denen, mit wenigen Ausnahmen, meist nur die nationalen Kreationen vorgestellt werden.

Was macht ihrer Meinung nach Paris zu einer Shopping-Hauptstadt?

Mit der Öffnung zum Osten hin ist Paris wieder zum Zentrum geworden, die Drehscheibe der Mode und des Shoppings. Ukrainer, Russen, Chinesen, Japaner, sie alle wollen Paris erkunden. Dieser Völkermix, dieser Austausch ist ungemein stimulierend. Für Couture, Prêt-à-porter, Frühjahr-Sommer- und Herbst-Winter-Kollektionen muss ein Modedesigner jedes Jahr 130 bis 140 Modelle entwerfen. Paris wird dabei zu einer Talentschmiede, mit gegenseitigem Ansporn und der ständigen Suche nach neuen Materialien und neuen Vorgehensweisen, die manchmal Jahre brauchen, bis sie sich durchsetzen. Daher dauert die Schöpfungskraft weiter fort. In der Shopping-Hauptstadt Paris muss man nur einmal um acht Uhr morgens im Januar während des Schlussverkaufs spazieren gehen, um die Schlangen vor den Toren der großen Kaufhäuser und einiger Geschäfte zu sehen!
Einige meiner Kunden sparen das ganze Jahr über, um während des Schlussverkaufs nach Paris zu kommen und sich ein schönes Kleidungsstück zu leisten.

„Warum zwischen Kultur oder Shopping in Paris wählen?“, sehen Sie das auch so?

Beides ist untrennbar. Paris bedeutet Einkaufslust, Gaumenfreuden und kulturelle Erlebnisse. Einige werden sagen, dass es eine Museumsstadt mit einem einzigartigen Kulturerbe ist. Das stimmt zweifellos. In Paris befindet sich das größte Museum der Welt, der Louvre. Aber es ist auch eine Stadt im ständigen Wandel, lebendiger als je zuvor, die das ganze Jahr im Takt von Wechselausstellungen, Fashion Weeks und internationalen, politischen und ökonomischen Treffen schwingt. Diese Vielfalt und diesen Reichtum wollte ich in meiner Tour als Botschafter von Soldes by Paris rüberbringen.

Was hat Sie dazu bewogen, Botschafter von Paris, Hauptstadt des Shoppings und der Mode zu werden?

Das Fremdenverkehrs Amt Office du Tourisme et des Congrès de Paris hat mir angeboten, Botschafter von Paris, der Hauptstadt des Shoppings und der Mode 2010 zu werden. Ich habe mit großer Freude zugesagt, da die Mode ein Thema ist, das mich begeistert.
Seit über zehn Jahren reise ich viel und gehe auf Fashion Weeks in der ganzen Welt (Zagreb, Sankt Petersburg, Almaty…), wo ich viele Menschen kennenlerne, die mich immer wieder bitten, zu ihnen zu kommen und über die französische Mode zu sprechen.

Welche Nachricht möchten Sie bei dieser Gelegenheit übermitteln?

Paris, die kosmopolite und weltoffene Stadt hat eine Vergangenheit. Eine außergewöhnliche Vergangenheit, die durch die prächtigen Bauwerke symbolisiert wird, die man hier bewundern kann. Aber Paris hat auch eine schöne Zukunft, verkörpert durch die Designer aus Mode und Kunst. Die Tour, die ich für Soldes by Paris erstellt habe, ist eine Tour der Gefühle, durch die Mann oder Frau den besonderen Kontakt mit der Hauptstadt, ihren Straßen und Einwohnern aufnehmen kann…

Wie unterscheiden sich Männer und Frauen in ihrem Modeverhalten?

Man könnte glauben, dass die Männermode weniger Möglichkeiten bietet oder weniger mutig ist, dabei hat sie alles, um ihren eigenen Stil zu erschaffen. Egal welchen! Ein Pariser wie ich kann zu Costume National für tadellos geschnittene Blazer gehen, oder zu Yves Saint Laurent und Smalto für einen handgeschneiderten Smoking. Wenn er Chick und Lässigkeit mischen will, kann er seinen Blazer mit einer Lederstretch-Jeans und trendigen Lacoste-Sneakers tragen. Nike bietet auf diesem Gebiet ebenso eine riesige Auswahl, dort kann man sich sogar seine eigenen Schuhe in einem Labor zusammenstellen. Männer auf der Suche nach den neuesten Trends ergattern sich T-Shirts aus der limitierten Serie von Colette.
Klassisch oder trendig, chic oder gewagt, das Ergebnis ist unterschiedlich, aber das Ziel das gleiche: Sich selbst eine Freude zu machen und sich in seiner Haut wohl zu fühlen.

Das Bild der Pariserin ist in der ganzen Welt bekannt. Was ist das Profil des Parisers?

Für mich verkörpert Sarah Marshall perfekt das Bild der Pariserin. Die Pariserin ist elegant, rassig, schüchtern. Ein bisschen aggressiv auch, aber immer mit Eleganz. Interessant an ihr ist, dass sie mit Stöckelschuhen Fahrrad fährt, wie eine Ministerin, oder Moped im Smoking. Die Vermischung der Genres macht die Pariserin aus. Sie muss verführen, aber auf ungewöhnliche Weise. Die Verführung geschieht nicht verbal, sondern erfolgt durch ihre Allüren und ihre Bewegungen. Die Pariserin bemerkt man, ohne dass sie sich bemerkbar macht.
Der Pariser entspricht keinem bestimmten Typ. Er kleidet sich am Wochenende, bei der Arbeit, in der Metro oder auf dem Fahrrad unterschiedlich, je nach seiner Beschäftigung, seiner Laune oder seinen Freizeitvorlieben. Was mich an ihm fasziniert, ist, dass er die Fähigkeit hat, die neuen Codes der Mode auf persönliche und elegante Weise immer wieder neu zu interpretieren.

Was ist für das gewisse Etwas unverzichtbar?

Das gewisse Etwas kann man nicht erlernen: Man hat es, oder man hat es nicht.

Was hat Ihrer Meinung nach die Mode revolutioniert?

Die Mode befindet sich eher in einem Zustand der Vorbereitung, als der Revolution. Sie folgt dem Impuls der Zeit. In dem Moment, in dem ich mit Ihnen spreche, arbeite ich bereits an meinen Kollektionen für 2011. In der Mode muss man sich in die Zukunft projizieren können. Es gibt keine Revolution, dafür eine ständige Evolution, Referenzen an Vergangenes, Einflüsse aus der Gegenwart und Projektionen in die Zukunft… ein ständiges Brodeln!

Inwiefern beeinflusst Ihre Ausbildung zum Psychologen Ihre Kreationen?

Mit 18 Jahren habe ich die psychologische Entwicklung von Kindern in der Salpetrière in Paris studiert. Danach war ich Leiter des Instituts für Psychomotorische Rehabilitation der Medizinischen Fakultät in Nizza. Ich habe die Sprache des Körpers gelernt. Und da ist man schon sehr nahe an der Mode. Auf dem Laufsteg ist es das gleiche. Es entsteht ein Austausch, ein Verhaltensspiel zwischen dem (zwangsläufig narzisstischen) Schöpfer, der etwas zeigen möchte, und dem Betrachter, der davon träumt, sich in die Schöpfung hinein zu projizieren. Aber heute hat Narziss schwimmen gelernt und geht nicht mehr unter.

Was ist an der Tour, die Sie für Soldes by Paris zusammengestellt haben, besonders?

Sicherlich ihr affektiver Charakter. Die Tour, die ich für Soldes by Paris zusammengestellt habe, richtet sich an Männer und Frauen, einzeln oder als Paar. Anhand dieser Tour möchte ich die sensible Seite von Paris aufzeigen. Es gibt kein einziges Hindernis.

Welches ist /welche sind Ihr/e Lieblingsviertel?

Seit 25 Jahren lebe ich hier, in der Rue de Rivoli und habe eine besondere Beziehung zu meinem Viertel aufgebaut. Erst kürzlich habe ich erfahren, dass Marguerite Yourcenar in dieser Wohnung den Schluss ihrer „Mémoires d’Hadrien“ geschrieben hat. Das hat mich besonders gefreut, da sie zusammen mit Virginia Woolf, die sie übrigens auch übersetzt hat, meine Lieblingsschriftstellerin ist.

Welches Museum besuchen Sie gerne?

Ich wohne in der Nähe des Louvre und von meinem Balkon aus sehe ich das Musée d’Orsay, zwei Museen, in die ich regelmäßig gehe. Ich liebe besonders die große Skulpturengalerie des Louvre. Unter anderem esse ich daher gerne im Café Marly, dessen Saal auf diese Galerie zeigt. Eines der wenigen Restaurants, in denen man essen kann, während man glaubt, im Museum zu sitzen. Man kann die Original-Marmorpferde von Marly betrachten, die einst am Eingang der Champs-Elysées standen.
Ich gehe auch gerne ins Museum des Jeu de Paume, um die Werke großer Fotografen wie Avedon zu bewundern. Das Centre Beaubourg zeigt das ganze Jahr über hervorragende Ausstellungen, hier habe ich über 150 Bilder von Pierre Soulages betrachtet, den Meister des „outrenoir“, den ich sehr liebe. Und sehen Sie, vom Schwarz kommen wir zurück zur Mode, denn alle Modeschöpfer streben zum „Kleinen Schwarzen“.

Welches sind Ihre Lieblingsbauwerke in Paris?

Ich liebe sie alle! von meinem Fenster aus kann ich den Eiffelturm, den Louvre, den Saint-Jacques-Turm, Orsay, die Invalides, den Triumphbogen und den Grande Arche de la Défense bewundern. Ich liebe auch die Pariser Kirchen sehr, wie die Eglise Saint-Roch, genau hinter mit, die kürzlich restauriert wurde. Ich liebe all diese kleinen Dinge, die viel wichtiger sind, als sie scheinen und das Leben glücklich machen.

Haben Sie eine Lieblingsadresse für Einrichtung/Design?

Ich verfolge besonders die Arbeiten von französischen Designern wie Jacques Garcia, Christophe Pillet oder Jean Nouvel. Wegen ihnen oder Menschen wie Ara Stark, den Galeries de Meo, Kamel Mennour und anderen, liebe ich Paris. Und Paris liebt mich!

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Jean-Claude Jitrois

Jean-Claude Jitrois liefert Ihnen sein geheimes Paris bei einem Spaziergang auf der Entdeckung nach seinen Lieblingsadressen. Der Stardesigner, rockig und klassisch zugleich, teilt mit Ihnen seine Tricks und Geheimtipps.

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